Yosi - der Spion, der bereute

Yosi - der Spion, der bereute


Vor etwas mehr als zwei Monaten, am 17. März, lag der Anschlag auf die israelische Botschaft in Buenos Aires 30 Jahre zurück.

Yosi - der Spion, der bereute

"Dieser Angriff hat einen Vor- und Nachnamen. Sein Vorname ist Hisbollah und sein Nachname Iran", sagte Galit Ronen, Israels Botschafterin, während der Gedenkveranstaltung. Bis heute wurde niemand für das Attentat verurteilt.

José Pérez war blass und sein Herz schlug wie verrückt, als er in der Redaktion der jüdischen Gemeindezeitung Nueva Sion erschien. Er suchte ihren Herausgeber auf, den Anwalt Horacio Lutzky, den Pérez seit Jahren kannte, und sagte ihm, er müsse ihn privat sprechen. "Du wirst nicht glauben, was ich dir sagen werde", sagte er Lutzky, als sie endlich alleine waren. „Ich bin nicht der, für den du mich hältst." Lutzky verstand nicht, was Pérez meinte.  

"Ich bin kein Jude, ich bin Agent eines Sicherheitsdienstes, der über viele Jahre die Gemeinschaft infiltriert hat. Und ich habe Informationen über die Angriffe auf die israelische Botschaft und die AMIA", behauptete Pérez.

Es war im Juni 2000. Sechs Jahre waren seit dem Anschlag auf die AMIA vergangen. Lutzky hatte sich daran gewöhnt, Anrufe und Besuche von Leuten zu erhalten, die behaupteten, Informationen über die Attentate zu haben. In der Regel erwiesen sie sich als falsch oder unbegründet. Doch diesmal war es anders. Sein Zeuge war Yosi, der Ex-Mann jener Frau, die jahrelang seine Assistentin gewesen war. Yosi, der Gemeindeorganisationen geleitet hatte, Yosi, der perfekt Hebräisch sprach und direkten Zugang zur israelischen Botschaft in Buenos Aires hatte. Was Lutzky da hörte, konnte keine Lüge sein.

"Zuerst war es mehr das, was Yosi andeutete, als das, was er sagte", erinnert sich Lutzky im Gespräch mit LA NACION. „Er rief mich von Zeit zu Zeit an, im Abstand mehrerer Monate, und sagte mir, wo wir uns treffen würden. Es dauerte eine Weile, bis er mir so weit vertraute, dass er sicher war, ich würde niemandem etwas erzählen."

Nach einer Weile offenbarte Pérez ihm, dass er für die argentinische Bundespolizei arbeitete und dass er sicher sei, dass die Informationen, die er jahrelang an sie übermittelt hatte, zur Durchführung der Angriffe auf die Botschaft und die AMIA verwendet worden waren, die im Abstand von zwei Jahren 114 Tote und mehr als 540 Verletzten in Argentinien hinterließen.

"Er sagte mir, er wolle aussagen, aber er zog es vor, es außerhalb des Landes zu tun. Er hatte Angst, dass er oder seine Familie getötet werden", erinnert sich Lutzky.

Eintritt in die jüdische Gemeinde

Die Geschichte begann 1986, als Pérez, ein 26-jähriger Polizist aus dem Stadtteil Flores, mit seiner ersten – und einzigen – Mission beauftragt wurde: Organisationen und Institutionen der jüdischen Gemeinde in Buenos Aires zu infiltrieren und Ermittlungen anzustellen. Insbesondere wurde er damit beauftragt, den "Andinia-Plan" zu demontieren, ein angebliches israelisches Projekt zur Eroberung eines Teils Patagoniens.

Pérez wurde zu Joseph umbenannt und erhielt den Spitznamen Yosi. Er änderte auch seinen Nachnamen: Er ersetzte das "z" durch ein "s" - Yosi Peres. Er verzichtete fast vollständig darauf, seine Familie zu sehen, einschließlich eines Sohnes mit seiner ersten Partnerin aus der Zeit, bevor er Agent war.

Wie Pérez selbst Jahre später verriet, hatte er Kenntnis von weiteren 19 verdeckten Ermittlern in Gewerkschaftsorganisationen, sozialen Bewegungen, Menschenrechtsorganisationen und Presseagenturen.

Pérez ließ sich in einer Mietwohnung im Stadtviertel Once nieder. Anhand von Büchern und Kassetten studierte er die jüdische Überlieferung: Gebete, Bräuche, Feiern, Essen. Er bekam einen Job, hatte mehrere Freundinnen und schloss sich zahlreichen zionistischen Gruppen an, von denen er einige sogar leitete.

"Es gibt keine jüdische Institution, die er nicht betreten konnte, sogar bewaffnet, selbst nach den Angriffen auf die israelische Botschaft und die AMIA", schreiben Lutzky und Miriam Lewin in ihrem Buch Iosi, el espía arepentiado auf Basis ihrer Gespräche mit Pérez. "Ich konnte auch Bekannte in der Botschaft empfangen und durchs Gebäude führen, weil ich Yosi war", so Pérez wörtlich.

Er hatte weder Wochenenden, Ferien noch feste Arbeitszeiten. In den ersten Jahren seiner Ermittlungstätigkeit gewann er das Vertrauen der Gemeindemitglieder. Aber die Zeit verging und er begann, sich mehr und mehr als Teil jener Gruppe zu fühlen, die er ausspionieren sollte: Nach und nach begann für ihn eine Art Konversion zum Judentum. Er verliebte sich leidenschaftlich in eine junge Jüdin, eine Hebräischlehrerin, und heiratete sie heimlich, weil seine Chefs es nicht herausfinden durften.

Ein beunruhigender Verdacht

Zu keiner Zeit fand Pérez irgendeinen Hinweis auf eine Verschwörung, einen Teil des argentinischen Staatsgebiets zu erobern und es an Israel anzuschließen. Aus dem Herzen der jüdischen Gemeinschaft bestätigte er, dass kein „Andinia-Plan“ existierte und dass dieser mythische Komplott Teil einer paranoiden Theorie mit antisemitischen Untertönen war.

Pérez berichtete seinen Vorgesetzten gewissenhaft und schickte ihnen regelmäßig alle Informationen, die er sich aneignen konnte. Sein damaliger Chef verlangte auffallend viel Präzision. Zu mehreren Anlässen bat er um Pläne der israelischen Botschaft und des AMIA-Gebäudes. Auch Namen, interne Meetings und Schichtpläne der Mitarbeiter beider Gebäude interessierten seine Vorgesetzten bei den argentinischen Geheimdiensten. Pérez informierte sie über jedes verlangte Detail.

Am Dienstag, dem 17. März 1992, prallte ein mit Sprengstoff beladener Ford F-100 Pickup-Truck ins Botschaftsgebäude. Nach dem Angriff begann eine beunruhigende Frage Yosi zu verfolgen: Wurden die Informationen, die er jahrelang übermittelt hatte, zur Durchführung des Angriffs verwendet? Nach dem Attentat auf die AMIA bestanden für ihn daran keine Zweifel mehr.

Sein Verdacht war begründet, wie von Lutzky/Lewin rekonstruiert: "Es gab weitere Hinweise, dass die Bundespolizei zu den Angriffen beigetragen hat. Yosi äußerte sich besorgt darüber, dass der Objektschutz für die beiden Gebäude vor beiden Angriffen abgezogen wurde. Sein Vorgesetzter bat ihn eindringlich, ihn zu warnen, wem die Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft misstrauisch gegenüberstanden. Hinzu kam, dass eines Tages ein Kollege behauptete, dass er nach der Explosion vor der AMIA nichts mehr hören konnte und er dem Anschlag nur entkommen sei, weil er rechtzeitig gewarnt wurde", so Lewin. Sie fügt hinzu: "Ein solcher Angriff kann nicht begangen werden, wenn es keine lokale Verbindung gibt."

Steigende Spannung und neue Identität

Mit solchem Misstrauen im Hinterkopf begann Pérez, seine Chefs kurz zu halten. Es dauerte nicht lange, bis auch sie misstrauisch wurden. Sie baten ihn, seine Ermittlungstätigkeit auf die Selbstverteidigungsgruppen der jüdischen Gemeinde zu konzentrieren, die nach den Anschlägen gebildet wurden, um Gemeinschaftseinrichtungen, Clubs, Schulen und Synagogen zu schützen. Von seiner neuen Rolle aus vermied er es, alle Daten zu senden, um die er gebeten wurde.

Seine Vorgesetzten zweifelten an Yosis Loyalität und bald wurde er in ein Dorf im Landesinneren versetzt, um bürokratische Aufgaben zu erledigen. Er musste sich von seiner Frau verabschieden, der er nach dem ersten Angriff die Wahrheit über seine Identität gestanden hatte, und beendete später seine Beziehung mit ihr. In dieser Umbruchphase hatte er Angst, ermordet zu werden. Deshalb nahm er ein Video auf, in dem er erzählte, was wirklich passiert war. Pérez bewahrte auch Kopien seiner Geheimdienstberichte auf - dieselben, die er Lutzky in Kopie gab, als er sich an ihn wandte.

Pérez' Beschwerden erreichten die Justiz und seit 2014 lebt er mit einer neuen Identität im Rahmen des Zeugenschutzprogramms.  Er wohnt an einem geheimen Ort, weit weg von seiner Familie und seiner Vergangenheit. Seine Aufenthaltsort und seine Bewegungen werden bis zum Äußersten überwacht.

"Die Leute fragen mich: 'Was passiert jetzt?'"

Lutzkys und Lewins Buch wurde nach seinem Erscheinen 2015 ein argentinischer Bestseller, aber in den letzten Wochen entstand dank der auf ihm basierenden Amazon-Prime-Serie eine neue Dynamik. "Wir legen einen alten Fall neu auf", reflektiert Daniel Burman, Schöpfer, Co-Autor und Co-Regisseur der Amazon-Prime-Serie.

„Für viele Teile der Gesellschaft ist es eine ziemlich unbequeme Geschichte. Wir leben natürlich mit der Tatsache, dass wir in unserer jüngeren demokratischen Geschichte zwei der blutigsten Anschläge in Lateinamerika hatten. Borges sagte, dass es im Koran keine Kamele gibt, weil Kamele für Mohammed Teil seiner Realität waren. Heute sind Straflosigkeit und Korruption unsere Kamele. Wir müssen sie sichtbar machen."

Burman hebt die Auswirkungen der Geschichte auf die jüngeren Generationen hervor.  "Viele Jugendliche und junge Erwachsene, die diese Zeit nicht erlebt haben, halten die beiden Angriffe um Relikte einer anderen Epoche. Aber wenn sie sich die Serie ansehen, erkennen sie, dass der komplexe Mechanismus dahinter ziemlich modern ist. Viele fragen mich: 'Was wird nach dieser Serie passieren?' Und ich muss sagen: 'Leider nichts.' Wir enthüllen nichts Neues", so Burman gegenüber LA NACION. Und kommt zu dem Schluss: "Wir leben damit so, wie wir es seit Jahren tun."

Vor etwas mehr als zwei Monaten, am 17. März, war es 30 Jahre her seit dem Angriff auf die israelische Botschaft.  "Dieser Angriff hat einen Vor- und Nachnamen. Sein Vorname ist Hisbollah und sein Nachname ist Iran", sagte Galit Ronen, Israels Botschafterin, während der Gedenkveranstaltung an diesem Tag. Bis heute wurde niemand für den Anschlag verurteilt.

Der Mangel an Antworten spiegelt sich in der Untersuchung des Angriffs auf den jüdischen Zentralrat wider.  "Im Fall AMIA gibt es nichts", resümiert Lutzky, ein ehemaliger Sprecher des Verbandes. "Es ist seit Jahren dasselbe, verbunden mit falschen Hypothesen", beklagt er. Im Jahr 2020 wurde Carlos Telledín, der einzige Angeklagte – der als Zusteller der Autobombe identifiziert wurde – zum zweiten Mal freigesprochen.

Der Text im Original:

https://www.lanacion.com.ar/lifestyle/no-soy-judio-soy-un-agente-infiltrado-la-verdadera-historia-de-iosi-el-espia-que-inspiro-la-nid25052022/

 

Autorin Maria Nöllmann

Übersetzung Ramiro Fulano


Autor: Ramiro Fulano
Bild Quelle: Archiv


Freitag, 27 Mai 2022

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